Demographie

Titel:
Konflikt- und Gewaltpotenziale demographischer Entwicklungen – eine internationale Vergleichsstudie

Kurzbeschreibung:
Demographische Entwicklungen werden zunehmend in ihrer Bedeutung für soziale Konflikte und Gewalt wahrgenommen. Während in den westlichen Industrieländern der Anteil älterer Menschen stark zunimmt und die Gesellschaften vor beträchtliche Anpassungsprobleme stellt, sind die meisten Entwicklungsgesellschaften „junge Gesellschaften“. Das Projekt setzt sich am Beispiel sog. „youth bulges“ mit der Bedeutung demographischer Entwicklungen für Desintegrationsprozesse, kollektive Jugendgewalt und deren Kontrollmöglichkeiten auseinander. Als „youth bulges“ werden überproportionale Anteile junger Menschen an der Gesamtbevölkerung bezeichnet (i.d.R. mehr als 20% in der Alterskohorte der 15-24-Jährigen). Gemäß der „youth bulge“-These soll ein hoher Anteil junger Menschen Gesellschaften besonders anfällig für Desintegration und Konflikte machen, weil dadurch die Integrationskapazitäten vieler Entwicklungsgesellschaften überfordert werden. „Youth bulges“ werden dabei wahlweise als Ursache für Gewalt, Bürgerkriege oder sogar Terrorismus betrachtet. Im Projekt soll in vergleichender Perspektive untersucht werden, welche Beziehung es zwischen „youth bulges“, der Entstehung von Desintegrationsprozessen und der Entwicklung von Gewalt wirklich gibt und was die Existenz von „youth bulges“ für die Kontrolle von Gewalt bedeutet. Das Projekt arbeitet auf der Grundlage einer erweiterten Fassung der Theorie sozialer Desintegration und bezieht auch neueste theoretische Entwicklungen auf dem Feld der Konflikt- und Gewaltforschung mit ein. Theorien des demographischen Übergangs und allgemeine Bevölkerungstheorien spielen bei der Erklärung demographischer Entwicklungstrends und ihren Auswirkungen auf Gesellschaften eine wichtige Rolle. Schließlich setzt sich das Projekt mit den unterschiedlich akzentuierten Thesen zum „youth bulge“ kritisch auseinander und fragt danach, ob „youth bulges“ an sich schon ein Problem darstellen oder erst im Zusammenspiel mit einer Reihe weiterer Faktoren, so dass diesbezüglich insbesondere zwischen notwendigen und hinreichenden Variablen in der Erklärung von Desintegrationsprozessen und Gewalt infolge von „youth bulges“ unterschieden werden muss. Im Projekt kommen sowohl quantitative als auch qualitative Methoden zur Anwendung. Neben der Auswertung und Aufarbeitung statistischer Daten sollen mit multivariaten Regressionsverfahren Zusammenhänge zwischen „youth bulges“ und Gewaltkonflikten überprüft und um qualitative Konfliktanalysen ergänzt werden. Im Sinne eines „most different sample“ werden dazu je zwei Länder aus SSA, Lateinamerika und der MENA-Region ausgewählt und mit europäischen Vergleichsfällen in Beziehung gesetzt, um unterschiedliche gesellschaftliche Konstellationen, unterschiedliche historische Phasen und unterschiedliche Sozialräume zu beleuchten. Dabei werden als Beitrag zur Theoriebildung innerhalb der Forschergruppe differenzierte Kriterien für gesellschaftliche Desintegrationsprozesse wie für unterschiedliche Formen der Kontrolle von Gewalt entwickelt. Die bisherigen empirischen Ergebnisse zu der Problemstellung lassen sich wie folgt resümieren: Fuller (1995) brachte in seiner Erklärung der ethnischen Konflikte auf Sri Lanka die These von den „youth bulges“ auf. Huntington (1996) führte die Gewaltbereitschaft der islamischen Welt auf die spektakulären Raten des Bevölkerungswachstums zurück. Heinsohn (2003) popularisierte den Zusammenhang zwischen einem hohen männlichen Jugendüberschuss und dem Kriegspotenzial von Gesellschaften. Empirische Untersuchungen des Zusammenhangs eines hohen Jugendanteils und Gewalt kamen jedoch zu widersprüchlichen Ergebnissen (Choucri; Brunborg; Kröhnert). In der Regel differenzierten sie die „youth bulge“-These durch die Berücksichtigung intervenierender Variablen (Urdal; Goldstone), erweiterten sie in Bezug auf Sicherheits- oder Klimafragen (Cincotta u.a.; Homer-Dixon) oder lehnten sie in ihren simplen Versionen vollständig ab (Collier). Die Fragestellung dieses Projekts ist bislang in der empirischen Forschung unberücksichtigt geblieben und stellt eine Forschungslücke dar. Folgende Arbeitshypothesen leiten das Projekt an: a) Bisherige Theorien über „youth bulges“ können keine befriedigenden und adäquaten Erklärungen für die Gewalt von Jugendlichen in Entwicklungsgesellschaften liefern. b) Damit die These von den „youth bulges“ Sinn machen kann, muss sie stärker historisch, regional und nach soziopolitischen Aspekten differenziert werden. c) Unter Berücksichtigung einer Reihe weiterer intervenierender Variablen stellt ein hoher Überschuss an Jugendlichen jedoch einen beträchtlichen Desintegrationsfaktor und ein erhöhtes Konfliktpotenzial dar und die Kontrollregimes einzelner Gesellschaften vor große Herausforderungen. d) Der Zusammenhang von „youth bulges“ und Gewalt ist erheblich komplexer als ursprünglich postuliert und bedarf dringend einer vergleichend angelegten empirischen Untersuchung. Kooperationen werden insbesondere mit Organisationen angestrebt, die sowohl Konflikt- und Gewaltdaten als auch demographische Daten aufbereiten: Dazu zählen u.a. BISS (Berlin), HIIK (U Heidelberg, KOSIMO), Uppsala Conflict Data Program (UCDP), Center for International Development and Conflict Management (U of Maryland, Polity IV Data Set), COW Conflict Data, US Census Buro, UN Population Division, World Bank, U of Toronto Database (Homer-Dixon).

Laufzeit:
In Vorbereitung

Art des Projekts / Förderung:
Teilprojekt für eine DFG-Forschergruppe zum Thema „Kollektive Jugendgewalt, soziale Desintegration und Kontrolle der Gewalt“ an der Universität Bielefeld

Projektbezogene Publikationen:
Bisher liegen keine Publikationen vor.